Publibike-Chef: «Kinderkrankheiten gehören dazu»

Das Veloverleih-System der Publibike AG mit dem Sensler Geschäftsführer Bruno Rohner geriet zuletzt ins Stocken. Im Interview erklärt er unter anderem die defensive Kommunikationsstrategie der Postauto-Tochter und wie sein Unternehmen rentabel werden kann.

Seit April dieses Jahres stehen Publibike-Stationen in Zürich, im Sommer kamen jene in Bern und in Freiburg dazu. Seit einigen Tagen stehen an diesen Stationen aber keine Velos mehr zum Verleih. Publibike, eine Tochtergesellschaft der Postauto AG, musste seine drei grössten Flotten einziehen. Im August nahm das Unheil mit geknackten Schlössern in Bern seinen Anfang. Als die Stationen beinahe leer waren, zogen die Verantwortlichen die Reissleine. Publibike, mit Sitz in der Stadt Freiburg, stand in den Schlagzeilen. Ein alter Rechtsstreit mit einem Konkurrenten wurde wieder Thema, Transparenz-Forderungen wurden laut, es gibt viele offene Fragen. Im Gespräch mit dem Sensler Pu­blibike-Geschäftsführer Bruno Rohner gingen die FN einigen Fragen nach.

Herr Rohner, was beschäftigt Sie aktuell am meisten?
Das primäre Ziel ist jetzt, die Velos so schnell wie möglich wieder in Umlauf zu bringen. Wir wurden mitten im Roll­out gebremst. Wir waren überrascht, wie einfach sich das Schloss knacken liess. Die entsprechende Stelle am Schloss war vorgängig offenbar zu wenig genau geprüft worden. Als wir vom Ausmass erfuhren, haben wir sofort eine interne Taskforce gegründet, um das Problem möglichst schnell zu lösen.

Bruno Rohner Geschäftsführer Publibike
Bruno Rohner musste als Geschäftsführer der Publibike AG einen Rüchschlag hinnehmen.

Die Uhr tickt – werden die Folgen mit jedem Tag schwerwiegender?
Nicht unbedingt. Uns war bewusst, wenn wir die ganze Flotte von fast 2500 Velos einziehen, geht das nicht von heute auf morgen. Diese Entscheide an sich waren nicht einfach, und wir versuchten, den Einzug hinauszuzögern. In Freiburg fuhr ich jede Station selber mit dem Velo ab, um mir ein Bild zu verschaffen. Ich musste mir danach eingestehen, dass es keine andere Lösung gab als einen Einzug der Flotte. Nun drängt die Zeit, aber gleichzeitig wollen wir nichts überstürzen, sondern uns lieber etwas mehr Zeit nehmen für ein besseres Resultat am Ende.

Es kann doch nicht sein, dass Leute bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein Velo unrechtmässig entwenden.

Wie sehr setzt die aktuelle Situation dem ganzen Publibike-Team zu?
Nur gering mehr, als sonst. Der Druck rund um ein so grosses und komplett neues Projekt war von Beginn an da. Wir waren uns auch bewusst, dass solche Kinderkrankheiten auftreten können. Was uns überrascht hat, war das grosse mediale Echo. Obwohl wir darin auch positive Aspekte sehen.

Welche positiven Aspekte meinen Sie?
Vor einem Jahr war Publi­bike in der Schweiz noch quasi unbekannt – jetzt sind wir allen ein Begriff. Wenn ich am Abend zuhause auf der ersten Seite vom Teletext lese «Publibike zieht Flotte in Zürich ein», dann ist das ein Beleg dafür. Teilweise wurde jedoch die Opfer- und die Täterrolle vermischt.

Können Sie das etwas genauer erklären?
Wir haben nichts Unrechtmässiges getan. Wir wollen etwas Gutes, die sanfte Mobilität in den Städten fördern. Man darf nicht vergessen: Jeder, der so ein Velo geknackt hat, hat eine Straftat begangen. Das wurde kaum thematisiert und oft achselzuckend zur Kenntnis genommen. Es kann doch nicht sein, dass Leute bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein Velo unrechtmässig ent­wenden.

Bei einem so grossen und teuren Projekt müsste man doch in der Testphase mit einem solchen Szenario rechnen. Wie konnte das trotzdem passieren?
Logisch, unser Schloss musste etliche Kriterien und Tests bestehen, sonst hätten wir uns nicht dafür entschieden. Ein Restrisiko bleibt immer, weil es kein Schloss gibt, das zu 100  Prozent sicher ist. Wir rechnen auch in Zukunft mit geknackten Schlössern oder Vandalismus. Unser Ziel muss es sein, die Aufgabe für Velo­knacker so schwierig wie möglich zu machen.

Nur wegen dieser Schlösser- Geschichte ist jetzt nicht alles schlecht. Die Nutzerzahlen in Zürich und Bern waren gut.

Hatten Sie schon den Gedanken, dass Ihnen da jemand etwas Böses will und diese Aktion so geplant war?
Natürlich macht man sich ab und zu solche Gedanken. Wir wollen aber niemanden verdächtigen, das wäre Mutmassung. Jeder, der sich mit der Technik und Mechanik von solchen Schlössern auskennt, kennt die Schwachstellen. Ich finde es einfach bedenklich, wie schnell heute dafür sogar Video-Anleitungen im Netz verbreitet werden.

Wieso hat Publibike selber ein Schloss entwickelt und nicht eine bestehende Lösung gekauft?
Eine bestehende Lösung für unsere technischen Ansprüche gab es noch gar nicht. Das ist nicht ein einfaches Schloss, es verbindet Elektronik und Technik. Die Vorgaben, um bei den öffentlichen Ausschreibungen in Zürich und Bern zu gewinnen, hätte ein bereits im Markt integriertes Schloss niemals erfüllt. Das Schloss ist das Herzstück, aber die ganze Qualität des Velos ist in der Schweiz ein wichtiger Faktor. Das Beispiel O-Bike hat gezeigt: Eine Billiglösung hat hier keine Chance.

Ihre Rückzugsaktion ist bestimmt nicht billig. Hilft am Ende der Mutterkonzern aus der Patsche, also genauer gesagt der Steuerzahler?
Publibike verfügt über einen Kreditvertrag mit der Schweizerischen Post AG, der mittels Marktkonditionen finanziert wird. Jeder Unternehmer weiss, dass es seine Zeit braucht, um in die schwarzen Zahlen zu kommen. Wir arbeiten jeden Tag für dieses Ziel.

Sie sprachen von drei Jahren, bis sie schwarze Zahlen schreiben wollen. Ist das weiterhin realistisch?
Ja. Ich möchte nochmals betonen, dass nur wegen dieser Schlösser-Geschichte jetzt nicht alles schlecht ist. Unsere grossen Netze in Zürich und Bern sind gut angelaufen. Zuerst brauchen wir nun genaue Zahlen zum Einzug der Velos, danach kann man das wieder thematisieren. Momentan sind wird in der Analysephase, es wird sich zeigen, welche Partei welche Kosten übernehmen muss. Da spielen auch Fragen rund um Haftung und Versicherung eine Rolle.

Die Publibike-Zahlen aus dem Jahr 2016 und 2017 sind geheim. Würde Transparenz in der aktuellen Situation nicht Vertrauen schaffen?
Klar würde wahrscheinlich jeder gerne über unsere Zahlen Bescheid wissen. Aber wir bewegen uns in einem Markt mit Konkurrenzsituation. Gerade in der Startphase müssen wir in Ruhe arbeiten können.

Wie viel kostet ein einzelnes Publibike?
Ein E-Bike mit der ganzen Ausrüstung kostet etwa 3000 Franken. Der Preis eines normalen Publibike liegt bei etwa 2000 Franken.

Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie überlegt haben, alles hinzuschmeissen?
In den letzten Wochen nicht, weil wir mit dem Projekt schon weit fortgeschritten sind. Während der Planung und den langen Gerichtsverfahren bis vor Bundesgericht gab es jedoch viele Momente, in denen ich mich fragte: Macht das noch Sinn? Wir wussten damals nicht, ob überhaupt irgendwann Publibikes in einer Schweizer Stadt stehen würden. Nun haben wir das hinter uns und lassen uns nicht so schnell vom Weg abbringen. Logischerweise bin ich ab und zu müde, aber das gehört dazu.

Die drei grossen Städte, aber beispielsweise auch kleine Partner aus der Agglomeration Bern bleiben Publibike treu. Das erstaunt etwas, jetzt nach diesem Fehler mit den Schlössern.
Zu jedem neuen System gehören Kinderkrankheiten oder anfängliche Mängel dazu. Deshalb alles infrage zu stellen, dafür hätte ich kein Verständnis. Das Projekt ist schlicht zu gross, um jetzt einfach alles zu stoppen. Der Start der Flotte in Bern mit 1400 Fahrten und in Zürich mit bis zu 1600 Fahrten pro Tag verlief sehr gut. Wir haben auch viele Kunden, die die Vorfälle bedauern und es kaum erwarten können, wieder auf dem Publibike durch Freiburg zu fahren.

Die Rückendeckung der Post ist doch ein absoluter Wettbewerbsvorteil im Veloverleih-Geschäft.
Wir haben uns in den öffentlichen Ausschreibungen gegen Konkurrenten durchgesetzt. Die Städte haben uns das Vertrauen gegeben und eine Konzession für fünf Jahre erteilt – was eigentlich eher kurz ist. Kaum ist das Projekt lanciert, musst du schon wieder über eine Vertragsverlängerung nachdenken.

Bruno Rohner Geschäftsführer Publibike AG

Das klingt, als hätten Sie nun fünf Jahre lang eine Spielwiese zur Verfügung.
Nein, der Anspruch der Städte ist ein funktionierendes System. Dieses ist aber sehr komplex, zum Beispiel mit verschiedenen Zugängen via App, Swisspass oder bei Firmen via interner Badges.

Rechtfertig ein neues und komplexes System also Fehler?
Nein, aber es kann vorkommen. Ich wollte aufzeigen, dass wir noch ein junges Unternehmen mit einem neuen, aber grossen Projekt sind. In der Schweiz gibt es kein vergleichbares Netz in dieser Grösse. Der Kunde erwartet stetige Verfügbarkeit, Sauberkeit, einen aufgeladenen Akku und und und – diesen Erwartungen wollen wir gerecht werden.

Wir nennen derzeit keinen konkreten Termin für eine Wieder­auf­nahme des Betriebs, damit wir in Ruhe das ­Pro­blem lösen können.

Wie haben die Sponsoren auf den Rückschlag reagiert?
Für unsere Geldgeber mit Werbefläche auf den Velos ist so ein Einzug der Flotte sicher unschön. Es war aber auch ihnen ein Anliegen, jetzt nicht eine Schnellschuss-Lösung zu präsentieren. Das Problem mit dem «Aufklopfen» der Schlösser hätten wir innerhalb einer Woche behoben gehabt. Es war aber im Interesse aller Beteiligter, das Problem noch vertiefter zu analysieren und allfällige weitere Schwachstellen zu entdecken. Wir geniessen viel Vertrauen, das wir auch honorieren werden.

Ist das Publibike-Modell überhaupt langfristig rentabel in der Schweiz?
Im Gesamtpaket schon, nur mit den Einnahmen durch die Nutzer nicht. Die Sponsoren sowie die Verträge mit Firmen braucht es, um mit Veloverleih in der vergleichsweise kleinen Schweiz Profit zu machen. Je nach Grösse des Netzes sind zudem Beiträge der öffentlichen Hand in den jeweiligen Städten nötig.

Apropos Grösse des Netzes: Wieso ist der Publibike-Sitz in Freiburg, und nicht etwa in Bern oder Zürich?
Das hat damit zu tun, dass Publibike in den Anfangsjahren vor allem in der Westschweiz versuchte, Veloverleih-Systeme aufzubauen.

Wann können Ihre Kunden wieder mit Publibikes durch Zürich, Bern oder Freiburg radeln?
Wir nennen derzeit keinen konkreten Termin, damit wir das Problem mit dem Schloss in Ruhe und mit Sorgfalt lösen können. Kurz bevor es wieder losgeht, werden wir die Medien und Kunden informieren.

Gibt es immerhin einen Anhaltspunkt: Sind es eher drei Wochen oder drei Monate?
Ich rechne nicht damit, dass es drei Monat dauern wird.

Was passiert mit den restlichen Velos an den kleineren Standorten?
Wir werden alle Velos umrüsten. Priorität haben jetzt zuallererst die beiden grossen Netze Bern und Zürich. Freiburg folgt unmittelbar danach. Die genaue Planung für alle anderen Netze wird zur Zeit noch ausgearbeitet.

Triathlet und aktiv auf Social Media

Seit Oktober 2015 ist Bruno Rohner Geschäftsführer der Publibike AG. Zuvor war er über 25 Jahre bei der SBB angestellt. In seiner Freizeit treibt der in Düdingen wohnhafte Rohner gerne Sport, hauptsächlich Triathlon. Seine sportlichen Aktivitäten dokumentiert er gerne via Instagram oder Youtube. Schwimmen trainiert der 50-Jährige oft im Schwarzsee oder Schiffenensee. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne im Alter von 14 und 18  Jahren.
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