Zwei Herzen, zwei Nationalfeiertage

Die Mexikanerin Sandra Gafner-Hernandez folgte ihrer Liebe in die Schweiz und fühlt sich jetzt hier zu Hause. Seit Ende 2017 ist sie Doppelbürgerin und feiert dieses Jahr den 1. August zum ersten Mal als Schweizerin.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick im Jahr 2008, am Playa del Carmen, am Karibischen Meer in Mexiko. «Er tanzte supergut Salsa», erinnert sich Sandra Hernandez, «aber es hat nicht ‹Klick› gemacht.» Michael Gafner setzte seine Weltreise fort, via Handy oder per E-Mail blieben die beiden in Kontakt. In Costa Rica wollte er sie wiedersehen und fragte, ob sie ihn aus Mexiko besuchen komme. Sandra Hernandez fragte ihre Mutter und ihren Bruder; beide war gegen die Reise. «Ich habe mich trotzdem dafür entschieden», sagt sie. Der Schweizer und die Mexikanerin verbrachten einige Tage zusammen, der Funke sprang.

Heute lebt das Ehepaar zusammen in einem Haus in Wünnewil. Der bald 3-jährige Sohn Diego Emiliano hält die beiden auf Trab. Sandra spricht sehr gut Deutsch, nur selten wechselt sie ins Englische oder spricht Spanisch. Die 36-jährige Mutter lacht viel, erzählt gerne die Geschichten aus ihrem Leben. Seit Ende 2017 besitzt sie den Schweizer Pass und feiert dieses Jahr den 1. August zum ersten Mal als Schweizerin.

Die Familie Gafner-Hernandez total im Schweiz-Fieber.

Drei Heiratsanträge

So entspannt wie heute fühlte sich die in León aufgewachsene Frau längst nicht immer. Die Entscheidung, in die Schweiz zu ziehen, fiel ihr schwer. Die Familie, das Klima, die Kultur – sie war stark verwurzelt in Mexiko. Wenn sie von ihrer Familie und ihrem verstorbenen Vater spricht, kommen ihr beinahe die Tränen. Mit seinem dritten Heiratsantrag vermochte der gebürtige Berner Michael Gafner die Wurzeln etwas zu lösen. «Wir haben einige Male über das Heiraten gesprochen. Ich wollte aus Liebe heiraten und nicht aus pragmatischen Gründen», sagt Sandra Gafner-Hernandez.

Zuerst schlug er die Ehe als eine von drei Varianten auf einem Notizblock vor, danach fragte er am Telefon, als sie in Mexiko weilte. Bei ihrer Ankunft zurück in der Schweiz war das Schlafzimmer mit Blumen dekoriert, und es lag eine Karte auf dem Bett. «Auf Spanisch fragte er mich, ob ich ihn heiraten will. Ich habe Ja gesagt, obwohl ich wusste, wie schwierig es würde. Die Liebe war stärker.»

Die Schweizer Tugenden

Die Integration verlief am Anfang harzig. Als offene und kommunikative Mexikanerin störte sie sich an der Verschlossenheit der Schweizer. Hier schweigt man sich an der Bushaltestelle an oder unterhält sich in der Bar nur mit den Personen, die man kennt. Und in Mexiko? «Wenn ich da in eine Bar gehe, habe ich sofort einige neue Freunde.»

Sandra Gafner-Hernandez musste sich auch an den Winter in der Schweiz gewöhnen, der ihr zu Beginn oft schlechte Laune machte. Der ganze Alltag gestaltete sich anders als in Mexiko, wo ihre Familie zur gehobenen Mittelschicht gehört. Das heisst: oft im Restaurant essen, Angestellte, die das Haus putzen und gar ein Chauffeur für Ausflüge an den Strand.

Mit der Geburt von Diego Emiliano verschwanden die letzten Zweifel. Die Schweiz ist mein Zuhause.
Sandra Gafner-Hernandez, Doppelbürgerin

In der Schweiz war sie zu Beginn mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs, bevor sie die Autoprüfung machte. Sie putzt ihr Haus selbst und hat kochen gelernt. «Da ich früher nie gekocht habe, halten sich meine Kochkünste aber in Grenzen. Michael kocht öfters und macht das ganz gut.»

Mittlerweile lebt die Mexikanerin seit fast acht Jahren in der Schweiz. Sie hat Freunde gefunden, eine feste Arbeit als Geschäftsanalytikerin in der Stadt Freiburg, liebt Fondue genauso wie Rösti und ist gut organisiert. «Das war ich schon immer», sagt sie, «jedoch ist es jetzt noch ausgeprägter.» Ihr Mann ist voll des Lobes: «Sandra ist ein Musterbeispiel für Integration.»

«Die Schweiz, mein Zuhause»

Mit dem Erlangen der Schweizer Staatsbürgerschaft entfallen für die Familie auch einige administrative Dinge, wie zum Beispiel die jährliche Erneuerung des C-Ausweises. Der ganz grosse Schritt war es für Sandra Gafner-Hernandez aber nicht. Prägend war vielmehr die Geburt ihres Sohnes Diego Emiliano: «Mit seiner Geburt waren die letzten Zweifel beseitigt, und ich wusste: die Schweiz, das ist mein Zuhause.»

Sandra Gafner-Hernandez mit der Schweizer Fahne zu Hause in Wünnewil.

Dazu gehören natürlich auch Feierlichkeiten am 1. August. Die letzten Jahre haben die Gafners sehr unterschiedliche Nationalfeiertage erlebt: Brunch auf dem Bauernhof, Grillieren im Wald oder das Feuerwerk in Ascona genies­sen. Für dieses Jahr wünscht sich die Doppelbürgerin einen grossen Grillabend mit ihren Freunden, dazu etwas Musik und gute Stimmung.

Ruhe finden

Ihre Familie in Mexiko feiert den Nationalfeiertag am 16. September, zu Ehren der Unabhängigkeit. Sandra Gafner-Hernandez traf sich in den letzten Jahren an diesem Tag jeweils mit ihren mexikanischen Freunden aus der Schweiz. «Es ist aber niemals das Gleiche, wie wenn ich in Mexiko wäre. Dort geht eine riesige Party ab, die Leute tanzen auf den Strassen bis in die Morgenstunden. Nachtruhe gibt es keine. Es macht mich schon etwas traurig, wenn ich jeweils auf Facebook die Bilder und Videos sehe.»

Sandra Gafner-Hernandez trägt zwei Herzen in sich. Sie denkt oft an ihre Mutter, ihren Bruder und ihre Schwester. Sie weiss aber auch die Schweiz zu schätzen, freut sich beispielsweise nach einem Business-Trip in Berlin auf die Berge in der Schweiz. In der Schweiz, hier möchte sie auch ihre Zukunft verbringen. Konkrete Pläne? «Vielleicht gibt es noch ein zweites Kind, vielleicht auch nicht. Momentan sind wir froh, wenn etwas Ruhe einkehrt nach den letzten, stressigen Jahren.» Konkret in die Zukunft will und kann Sandra Gafner-Hernandez nicht schauen – das liegt der Mexikanerin nicht im Blut. «Mein Vater hat mir immer gesagt: ‹Du musst den Moment leben, sonst ist es plötzlich zu spät.›»

 

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